AHV sanieren !

(oben: 900 Bettler in Herisau AR, Hungersnot 1817: Junge Beitragsträger und alte Rentner in 20 Jahren auch wieder?)


Die Altersrente hat ihre nachhaltige, definitive Lösung bereits in vier Ländern gefunden, mit Sanierung auf alle Zeiten und ohne Mehreinnahmen. Diese Systeme Polens, Italiens, Schwedens und Lettlands richten die laufenden Renten nach einer Formel aus, welche die wirtschaftlichen Trends der Vorjahre und die längere Lebenserwartung kombiniert. Jährlich werden die laufenden Renten angepasst, nach oben oder nach unten, und zwar in Promille-Schrittchen, ohne Rosskuren. Auch die jedes Jahr neu gesprochenen Renten werden so berechnet. Alle Versicherten haben ein Schattenkonto wie in der AHV, wo die Beiträge vermerkt werden. Aber je nach Land werden schon diese Schattenkonten jährlich leicht an das gute oder schlechte Wirtschaftswachstum angepasst. Weil darin die Lohnsumme des Landes enthalten ist, spiegeln die Renten damit die Reallöhne, die Inflation darauf, und die Erwerbsbeteiligung, also die Zahl der jungen Beitragszahler. Diese nimmt ja fast überall ab, während die Rentenjahre ansteigen – aber die Formel berücksichtigt dies, ohne neue Steuern und ohne neue Lasten auf den Jungen.

Die Schweizer AHV hat bereits ihre Formeln, aber ohne den Realitätsbezug der vier Länder. Der Aufwertungsfaktor zieht die früheren Beiträge auf das heutige Einkommensniveau hinauf. Die Rentenformel legt Minimal- und Maximalrenten, die Ehepaarrenten fest und bewirkt die von manchen geschätzte innere Umverteilung der AHV. Sodann kennen wir den Mischindex, der alle zwei Jahre die Inflation und den halben Reallohnanstieg der Jungen in den Renten ausgleicht. Hier muss die Formel einsetzen. Die Wirtschaftsleistung in laufenden Preisen steigert die Renten, und die Lebenserwartung, oder die Anzahl laufender Renten korrigiert dies wieder. Die Schweden lassen sogar das Rentenalter fallen, man kann ab 61 Rente beantragen, dann erhält man wenig, und mit längerem Warten immer mehr.

Ich habe ganz grob gerechnet, wenn man seit 2010 einfach die laufenden Renten an die jährlichen Einnahmen der AHV angepasst hätte: mal ein, zwei Café crèmes weniger, mal etwas mehr in den Monatsrenten, aber mal zwölf, mal zweieinhalb Millionen. Rechne! Aber die Renten wären nicht mehr auf Franken und Rappen präzis garantiert. Heute sind sie feste Beträge, die Beiträge der Jungen und der Mehrwertsteuer sind ebenfalls fest definiert, während die tragende Volkswirtschaft, die Einkommen, das Verhältnis der Jungen und Alten laufend schwanken. Das ist barer Irrsinn, eine mathematische Sünde.

Aber niemand rechnet. Kein Politiker hat meines Wissens die Systeme des Nordens und Italiens (dort seither abgeändert) angesehen und angeregt, geschweige denn umgerechnet. Das Bundesamt für Sozialversicherung teilte mir in einem e-mail mit, dass man noch nie die Systeme Schwedens oder Polens studiert habe. Nur die CS-Research tat es vor bald zehn Jahren, Avenir Suisse 2014, die Weltbank publizierte das Formelsystem schon 2006.

Eine Formel, welche die Auszahlungen als Ergebnis aller Bewegungen in Wirtschaft und Demographie festlegt, ist solidarisch für Alt und Jung, und sie entspricht der Forderung des Philosophen John Rawls. Er will bei solchen Gesellschaftswürfen, dass kein Beteiligter zum Vorneherein weiss, welches darin sein Platz, sein Einkommen sein wird. Dann steigt die Chance, dass Eigennutz allseits überwunden werden kann.

o,k. Boomer! Ihr seid eh die reichste Gruppe, und wessen Rente nicht reicht, bekommt schon heute reichlich Ergänzungsleistungen.

Das einzige "Sanierungsmittel", das bisher den Politikern einfiel, waren immer neue Mehrwertsteuern. Dabei sagt die Bundesverfassung klar, dass AHV und Zweite Säule "mit den verfügbaren Mitteln" zu leisten seien. Ein Verfassungsbruch mehr. Das neue Parlament 2019 muss nun aber zeigen, was es kann.