Markt - weshalb?

Der Markt ist das Normale
Die Stele Hammurabis aus Mesopotamien zeigt Regeln einer blühenden Marktwirtschaft - vor 4000 Jahren. Fernand Braudel und seine Historikerschule zeigten, dass der Tausch seit Urzeiten belegt ist, immer auch über alle Grenzen der Völker, Städte und Reiche hinweg. Braudel definiert den Kapitalismus vor allem als grenzüberwindendes Handessystem.
Der Markt, also der Tausch von Dingen, welche die Tauschpartner für werthaltig ansehen, erscheint nur deshalb vielen als nicht das Erste, woran man denkt, weil unterdessen der Staat derart viele Regeln erlassen hat, weil derart viele "stakeholder", die nichts an den Markt bringen, trotzdem berechtigt sind, mitzureden, abzuschöpfen. Und seit Karl Marx sehen viele den Kapitalismus als eine neue Art ungestüm hereingebrochener Wirtschaftsart. Doch neu war vor hundertfünfzig Jahren nur die technische und industrielle Revolution, nicht der Tausch. Nur die Dimensionen wurden grösser, und die Hersteller begannen für abstrakte Märkte zu produzieren, nicht mehr in Einzelanfertigungen wie die Handwerker. Die Produktion wurde auch arbeitsteilig, ganze Ketten von Zulieferern und Abnehmern arbeiteten sich in die Hände. Hauswirtschaften wurden zur Volkswirtschaft.

Marktwirtschaften folgen extakten Regeln, sie sind keine Räubergesellschaften, wie Kritiker suggerieren. Der Ausgangspunkt ist zwar, dass alle Beteiligten ihre Interessen verfolgen und keine der früheren familiären oder religiösen Bindungen zu beachten haben. Sinn der Märkte ist es ausserdem, "Gefälle" zu schaffen, Unterschiede im Erfolg. So werden sie zu Wegweisern für die Anstrengungen der vielen, die so sehen, was sich lohnt, was nicht.

Erste Regel ist der Ausschluss von Gewalt. Man muss mit Bieten und Nachfragen erreichen, was man haben will. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, wie die phönizischen Kaufleute in Westafrika ihre Waren auf einen Haufen legten, die dortigen Bewohner die ihren auf einen anderen Haufen, man begutachtete wechselseitig, legte hinzu, nahm weg, und ohne Sprache, aber auch ohne Gewalt einigte man sich auf den Tausch. Derivate-Börsen oder elektronische Märkte funktionieren ebenso.
Zweites Element ist die Vertragstreue. Jeder Tausch ist ein Vertrag. Was gilt, wird durch die Gesetze definiert und es braucht Gerichte oder private Mediationen, um diese Verträge durchzusetzen.
Drittens kommen viele ausser-gesetzliche Verhaltensformen, Rituale, hinzu. Man nennt sie oft Treu und Glauben, ich bezeichne sie als "vormarktliche Einverständnisse".
Viertens würde der Eigennutz der Marktteilnehmer eigentlich am besten bedient, wenn sie den Markt, den Wettbewerb abschafften, durch Kartelle und Monopole. Da muss der Staat eine kompromisslose Wettbewerbspolitik durchsetzen.
Fünftens müssen Demokratie und Grundrechte herrschen - die politische und die marktwirtschaftliche Ordnung sind interdependent. Zwang durch die Regierung und durch Parteien oder Diktatoren hebt den Markt aus den Angeln. Es muss also der ganze Katalog der Grundrechte gewährleistet sein: die Freiheit der Meinungen, der Information, des Eigentums, der Berufswahl, der Berufs- und Geschäftsausübung, des Arbeitens.
Sechstens finden marktwirtschaftliche Tauschakte nicht nur einmal statt, sondern alle Akteure bleiben im Markt, kehren wieder, und müssen sich daher des Erfolges wegen an die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze halten.
Schliesslich verlangt ein erfolgreiches Tauschen auf Märkten, die Wünsche der Tauschpartner vorwegzunehmen, zu antizipieren. Jeder Marktteilnehmer integriert die Anliegen der anderen in seine Handlungen, als gewollt-ungewollter Altruismus.

Diese sieben Voraussetzungen bilden die ethische Dimension der Marktgesellschaft. Wenn Märkte funktionieren, ist dies also eine reife Kulturleistung. 

Diesen Einsichten widersprechen die Bestrebungen, den staatlichen Organen der Gesellschaft mehr an "Sinn-Wissen zuzutrauen als den Einzelnen. Wenn also Parlamente, Kommissionen, Regierungen Ziele des Marktes durchsetzen, etwa "nützliche Produkte", "Gleichheit aller", "Technologieplanung", "Energiewende", "Investitionslenkung", dann integrieren sie die Wünsche der Einzelnen nicht, sondern sie schreiben diese vor. Ausserdem sinkt die Freiheit dieser Einzelnen, und deren Wohlstand, wie die Erfahrung des "realen Sozialismus" in den Ländern des Ostens zeigte.
Wenn aber die Einzelnen ihren Wohlstand selbst verfolgen können und damit das wirtschaftliche Wachstum der gesamten Gesellschaft antreiben, dann können alle ihre Position zu verbessern hoffen, es bleibt der Verteilungshorizont der Gesellschaft offen. Fehlen aber der Wohlstand und das Wachstum aufgrund hemmender und falscher Eingriffe, so scheinen weitere moralisierende Eingriffe gerechtfertigt. Sie bewirken aber nur eine Gleichverteilung der Not: was dem einen gegenben wird, muss einem anderen weggenommen werden.
Reiche, wachsende Gesellschaften brauchen daher weniger "Moral" zur Korrektur der Märkte. Der Wirtschaftsethiker Karl Homann sieht die einengenden Moralvorstellungen als Not-Wendigkeit einer früheren Zeit, als der Reichtum stagnierte, vor 1800. Das waren "Null-Summen-Spiel-Gesellschaften", was der eine gewann, verlor der andere. Wenn in agrarischen Völkern auf einem bestimmten Territorium eine bestimmte Anzahl Menschen mit ihren Tieren und Aeckern auskommen mussten, und kein Fortschritt jährlich etwas mehr Ertrag brachte, dann "nahm" der Reiche tatsächlich den Armen den Spielraum für ihre Schafe und Rübenäcker weg. Die Religionen dieser jüngeren Steinzeit, das Judentum, Christentum und der Islam, drangen daher auf Rückgabe, auf Umverteilung. Eine Wachstumsgesellschaft braucht diese Rückgabe-Moral nicht. Sie ist nach vorne offen, alle können einsteigen, gründen, arbeiten und mehr zu erreichen suchen. Das Metallgeld des Altertums konzentrierte sich durch Zins bei den Besitzenden, die Kalorien-Chancen bei Ackerbesitzern - doch heute ist Wertschöpfung nicht an den Boden gebunden. Besitz an Häusern, Aktien, Gewerbe ist vermehrbar.
Und - in einer Gesellschaft des privaten Eigentums haben alle Dinge einen Paten - den Besitzer, der über ihm wacht.

Kritiker, welche nach Umverteilungs- und Kontrollgesetzen rufen, haben drei uneingestandene und unbegründete ethische Haltungen: zum einen suggerieren sie, dass eine "Herrschaft der Komitees", politische Gremien, besser und ethischer koordinieren als Märkte, dass also deren Mitglieder ethischer entscheiden als freie Akteure. Doch zeigt die politologische Schule des "Public Choice" (und jeder Blick auf das wirkliche Geschehen der Politik), dass diese Menschen ebenfalls Selbstinteressierte sind, sodass die Zumessungsmacht in Komitees den Kern des Missbrauchs in sich trägt. Ausserdem zerstäubt der Markt die Macht, während die Politik sie konzentriert.
Zweitens unterstellen Kritiker, dass eine Volkswirtschaft krisenfrei und risikofrei ablaufen müsse. Dies ist eine menschenfremde und ungesellschaftliche Sichtweise. Die Marktgesellschaft lernt nur aus Risiken und Krisen, und sie lernt schnell. Denn jede Krise - der Volkswirtschaft, einer Branche oder einer Firma - straft scharf und sofort ab, mit Verlust des Enkommens, des Vermögens und des Rufs. Deshalb veranlassen einige wenige solche Präzedenzfälle viele Tausende anderer Akteure zur Kursänderung. Sie lernen am einen Exempel. Damit aber tritt ein Demonstrationseffekt ein, welcher erneute Krisen (der vorgefallenen Art) verhindert. Wenn die einzelne Krise präventiv als Demonstration für viele wirkt, nenne ich dies "Prämonstration".

Erster Schluss: Eine offene (Markt)Gesellschaft lernt aus Fehlern - unter Strafe des Verlusts, und sie lernt nur aus Krisen.
Zweiter Schluss: Märkte sind Wege des "Vorantastens", Wettbewerb ist ein "Entdeckungsverfahren" (Friedrich August Hayek). Die Innovation der offenen Marktgesellschaft entwickelt sich im Wettbewerb, die ständige Bedrohung der Macht etablierter Firmen und Vermögen hält sie in Schach. Alles sind allseits bestreitbare Positionen ("contestable markets").
Dritter Schluss: Ziel von Märkten ist es, "Gefälle", Unterschiede zu schaffen, um Anreize zu geben, um Wegweiser zu spielen. Es ist kein moralisches Gesetz verletzt. Karl Homann sagt sehr schön, dass die individuelle Absicht (der Eigennutz) und das gesellschaftliche Ergebnis (Wachstum, Innovation) auseinanderlaufen dürfen, trotzdem sind Wachstum und steigender Wohlstand praktisch aller das Ergebnis. Es ist aber unmoralisch, Leistung und Risikobereitschaft nicht zu belohnen (und nicht zielführend). 
Oft ist schwierig einzusehen, dass Markterfolge nicht parallel zu Arbeitsstunden oder Muskeleinsatz sich einstellen, sondern auch durch das geschickte Nutzen von Gelegenheiten, durch Wissensvorsprung, durch Mengeneffekte. Unmoralischer, spekulativer sind sie deswegen nicht. Meine Erfahrung mit Gewerkschaftsmitgliedern (nicht mit Funktionären) zeigt, dass einfache Arbeiter das Leistungsprinzip wie das Zufallsprinzip wollen und auch Risikobereitschaft anerkennen.

Die Politik hat dann ihr Recht, wenn der Markt versagt. Die vier Marktversagen rühren aus den inneren Mechanismen des Marktes selbst her: Erstens, wenn man von gewissen Leistungen niemanden ausschliessen kann. Oeffentliche Sicherheit im Inland und gegen aussen kann nicht von privaten Schiess- und Schutzgesellschaften geleistet werden, denn sobald sie dies erreichen, würden viele nicht mehr zahlen, doch geniessen könnten sie die Sicherheit weiterhin. Deshalb sind "öffentliche Güter" durch den Staat herzustellen, als da sind innere und äussere Sicherheit, Grundrechte, Gerichte. Hingegen sind Leistungen, die zufällig heute durch die Oeffentlichkeit hergestellt werden, nicht dadurch schon "öffentliche Güter" in diesem ökonomischen Sinne, etwa Schule, Bahn, Post.
Zweitens sind Maraktteilnehmer versucht, ihren systemnotwendigen Eigennutz zu steigern, indem sie den Markt abschaffen in Kartellen und Monopolen. Der Staat muss daher die Wettbewerbspolitik durchsetzen, Kartelle bestrafen.
Drittens verursacht private Produkt externe Kosten - wer Lärm, schmutzige Luft, Abwässer bewirkt, muss diese Kosten tragen, Umweltpolitik ist notwendig, am besten durch Internalisierung, also durch den Einbezug solcher Kosten durch die Verursacher.
Viertens reagieren die Teilnehmer am Arbeitsmarkt "verkehrt" - wenn die Löhne tief sind, arbeiten die Menschen länger, bieten also noch mehr überschüssige Arbeitskraft an. Denn sie leben vom dringlichen Entgelt ihrer Arbeitskraft. Und werden sie sehr gut bezahlt, schätzen sie die Freizeit stärker und arbeiten weniger lange. Genau umgekehrt verhalten sich Güterproduzenten - sind die Preise hoch, produzieren sie natürlich mehr.
Die Arbeiter können sich entweder zusammenschliessen und die Arbeitskraft gemeinsam verhandeln oder zurückziehen (Arbeitnehmerverbände, Streiks), oder Vermögen erwerben durch Beteiligungsmodelle und Sparen, oder das Gesetz sollte gewisse Maximalarbeitszeiten vorsehen - aber nicht zu enge, nur solche, damit man nicht ins 19. Jh. zurückfällt. Diese Begründung für Gewerkschaften ist ökonomisch, eine Not-Wendigkeit. Das Reden der meisten Gewerkschaftsführer nimmt dies nicht in Anspruch, sondern sie scheinen moralisch höher stehen als Unternehmer.
Strategien zum Erwerb von Vermögen in Arbeitnehmerhand finden ihrerseits in Europa keinen Widerhall. Arbeitnehmer "riskierten" dann wie Unternehmen zu denken, fand der eine, oder "was tun wir noch, wenn dies wirklich einschlägt?" fragte ein Gewerkschafts-Präsident. Eigentumssperre für Arbeiter aus Verbandsegoismus ihrer Organisationen...
Politik also verhindert Marktversagen. Der Markt seinerseits kommt zu seinem Recht und dringt durch alle Ritzen vor, wenn die Politik übertreibt. Wenn enge Arbeitsregeln herrschen, arbeiten die Leute einfach schwarz. Wenn die Abgaben und Steuern zu hoch werden, hinterziehen die Bürger die Steuern. Wenn die Politiker Inflation veranstalten oder den Staatshaushalt ins Schuldenloch stürzen, treten Kapitalflucht und hohe Zinsen auf. Wenn die Regeln schikanös werden auf Güter- und Arbeitsmärkten, ziehen die Firmen ins Ausland. Die Regierungen sind "marked to market", die Märkte legen ihren Spielraum fest. Wenn viele Länder im Wettbewerb um Firmen und Handel stehen, verhindert dies ein Kartell der Politiker aller Länder, um die Bürger und Firmen unter zu zwingen. Der hartnäckige Markt wie auch der Wettbewerb der Regierungen schaffen Freiheit!