Arbeit - wieviel?

Der Arbeitsmarkt ist ein Markt, aber auch mehr

Und: eher als ein nebulöses "Recht auf Arbeit" bracuhen wir ein sicheres "Recht auf Arbeiten" - und das bringen freie Arbeitsmärkte eher als tausend Regeln


Gibt es noch genug Arbeit?

Wenn die Aelteren länger arbeiten sollen, reicht es dann noch für die Jungen? Oder wenn es Arbeitslose gibt in einem Lande, sollten dann nicht alle etwas kürzer arbeiten, damit die Arbeit umverteilt wird?
Diese Befürchtungen gehen von einer festen, begrenzten Menge an Arbeitsmöglichkeiten aus, die in einem Lande vorkommen. Doch dies führt in die Irre - wenn viele Menschen arbeiten, verdienen sie viel und geben viel aus: Arbeit schafft Arbeit, dies ist die wahrere These.

Denn das Arbeits-Mengen- Denken gilt nur für die einzelwirtschaftliche Ebene (Mikroökonomie): wenn in einer Garage zu wenig Arbeit da ist, kann tatsächlich diese Arbeit auf alle verteilt werden, indem alle weniger lange arbeiten. Dann wirbt man neue Kunden, bietet neue Dienste an, und eines Tages können alle wieder voll arbeiten. Falsch wäre es gewesen, leichtfertig zu kündigen.
Doch auf der volkswirtschaftlichen Ebene (Makroökonomie) geht dies nicht. Denn wenn alle Arbeitenden gesetzlich auf Diät gesetzt werden, verdient irgendwer auch weniger - die Firmen, die Arbeitenden, und die staatlichen Sozial- und Steuereinnahmen sinken auch noch. Im volkswirtschaftlichen Kreislauf fehlt Kaufkraft, und am Ende finden sich alle mit weniger Arbeit, weniger Einkommen und gleich viel Arbeitslosen wieder. Die Politik der erzwungenen Arbeitszeitverkürzung für alle hat in Südeuropa und in Frankreich dieses Resultat hervorgebracht. Länder mit hoher Arbeitszeit und Arbeitsbeteiligung hingegen nähern sich der Vollbeschäftigung - die Schweiz, Grossbritannien, Japan, USA.

Allerdings reagieren die Anbieter von Arbeitskraft nicht wie auf anderen Märkten (s. vorhergehende Seite zu den Märkten), es braucht entweder deren Selbstorganisation in Arbeitnehmerverbänden oder maximale Arbeitszeiten, um die Selbstausbeutung des 19. Jh. zu verhindern: Verträge oder Gesetze.
Das Ergebnis, schlimmer, die Summierung tausender solcher Gesetzes- und Vertragsseiten hat nun aber die europäischen Arbeitsmärkte zementiert. Denn:

1. Viele Sozialeinrichtungen wurden an den (früheren) Alleinernährer und seinen Arbeitsvertrag gebunden, er versichert seine Familie damit auch noch, er hat Anrecht auf Abfederung vieler Wechselfälle des Lebens durch diese Anbindung (Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit, Alter, Invalidität, Mutter- und Vaterschaft).

2. Die Idee, dass der Arbeitnehmer der schwächere Teil im Arbeitsvertrag sei, führte zu massivem Kündigungsschutz (für den Unternehmer gilt keine Vertragsfreiheit, also die Freiheit, den Vertrag zu beenden), der in vielen Ländern sogar bei der Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen von Gerichten überprüft werden darf im Sinne, dass es die Ertragslage der Firma heranzieht (indirekt also muss die Firma erst die ganze Substanz verlieren, bevor sie die Arbeitskosten anpassen darf - ein mieses "Geschenk" an die verbleibenden Beschäftigten). Wenn aber eine Firma nicht mehr entlassen darf, stellt sie auch kaum mehr ein. In Frankreich werden heute jene, die überhaupt neu angestellt werden, zu 80% nur mit befristeten Verträgen bedacht - "la précarité" durch falschen Schutz!
Wenn aber eine Firma auch wieder entlassen darf, dann versucht sie schon kurzfristig, nach wenigen neuen Aufträgen im Konjunkturaufschwung, neue Leute einzustellen - und schafft damit Kaufkraft, verstärkt den Aufschwung. Unter dem extremen Kündigungsschutz hingegen lässt sie die bestehende Kernbelegschaft erst mal Ueberzeit machen. Der massive französische, südeuropäische Kündigungsschutz führt anstatt zu bleibender Beschäftigung oft doch zu Entlassungen, aber mit hohen Abschlagszahlungen  - also dient der Schutz erpresserischen Lösegeldern, welche eine angegriffene Firmensubstanz auszehren und die verbleibenden Arbeitsplätze gefährden.

3. Die Idee, dass die Arbeit ein beschränkter Kuchen sei, führte Gewerkschaftssekretäre bei Verhandlungen dazu, beispielsweise Ueberzeit zu untersagen, oder wenn schon, dann mit Freizeit, anstatt mit Zuschlägen bezahlen zu lassen. Die Arbeiter sehen dies mit Entsetzen, denn dies nimmt ihre einzige Möglichkeit weg, "Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft" zu sein, sie verlieren das "Recht auf Arbeiten". Ausserdem wird die Flexibilität der Unternehmung drastisch eingeschränkt. Sie lehnt möglicherweise sogar Aufträge ab, weil sie diese nicht mit Ueberzeit ausführen kann.

4. Der vermeintliche "kürzere Spiess" der Arbeitnehmer führt auch zu asymmetrischen Vertragsregelungen bei der Einstellung. Diskriminierungsverbote und die Umkehr der Beweispflicht sollen den Arbeitgeber binden. Diskriminierungsverbote sind in Fragen des Geschlechts und der Rassen wichtig, in allen anderen Fragen oft problematisch. Sie zwingen den Firmen ein politisches Proporzdenken auf, das mit der gefragten Leistung nichts zu tun hat. Die EU-Richtlinie 2000/78 zur "Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf" kehrt die Beweislast um. Schon bei der Anstellung darf nicht diskriminiert werden - der Arbeitgeber kann von abgewiesenen Bewerbern (oft 99 auf 100 Bewerber) eingeklagt werden und muss beweisen. Diskriminierungsgründe können "Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter oder die sexuelle Ausrichtung" sein. Die klagenden Bewerber müssen sich nur "für verletzt halten", die "Tatsachen glaubhaft machen". welche eine Diskriminierung vermuten lassen - und die Gerichtsprozesse laufen an. Weiter können diese Beschwerden auch nach beeindetem Arbeitsverhältnis eingereicht werden, und wie immer dürfen sich Personalverbände, Gewerkschaften und andere Instanzen in die Prozesse einschalten. Wer hat Lust, als Arbeitgeber (ohne gut bestückte juristische Abteilung) noch jemanden einzustellen?

5. Die Mitbestimmung - in Deutschland - hat neben diesen Eingriffsmöglichkeiten von Verbänden noch zusätzlich die institutionelle Mitsprache geschaffen - oder spiegelbildlich die Eigentumsrechte und Handlungsrechte der Firmen abgesenkt. So liegen die Asymmetrien offen - die Mitbestimmungsberechtigten haben Handlungsrechte ohne Kostenfolgen, die Firmen haben Kostenfolgen, ohne über deren Ursachen entscheiden zu können. Auf den Vorstandsebenen müssen sich die Manager mit den Mitbestimmenden gut stellen, um überhaupt ernannt zu werden: die Firmen werden von sich kooptierenden Gremien geleitet, welche von Realitäten, Marktzwängen und zahlenden Eigentümern gleichermassen abgehoben zu sein drohen. Je grösser die Firma, umso geringer auch die demokratische Durchsicht und Auswahl bei der Wahl Mitbestimmender für den einzelnen Arbeitnehmer.

6. Ein ganz besondere Schikane sind die Diplomerfordernisse zur Gewerbe- oder Berufsausübung. Diplome sind gut, aber sie sollen nicht vorgeschrieben werden. Man kann heute schon bald keine Kinderkrippen mehr mit Hütepersonal einrichten, welches nicht formale Diplome besitzt, ebenso gilt dies für Stellen im Spital, in Altersheimen, Pflegeheimen, Physiotherapien, Ernährungsberatung, Sportarten, Bildung und Erziehung allgemein. Jedesmal werden diese Arbeitsmärkte eingegrenzt, abgeschottet, die Individuen können nicht mehr fluktuieren, sonst gelten sie als "unqualifiziert" oder werden gleich abgewiesen. Die mittelalterliche Zunftverfassung war nicht strenger.
Jedesmal auch setzt sich ein Verband auf diese Regelungen auf, entwickelt Ausbildungsgänge, führt gleich auch die entsprechenden Schulen, gibt die Diplome ab und verhandelt dann auch mit Behörden oder Kassen die Tarife. Oft werden noch geschickt Zwänge eingebaut, dass man in diese Verbände eintreten muss, um überhaupt Chancen auf eine Stelle oder Ausbildung zu haben. Zunftverfassung!

7. Einen schlimmen Irrweg haben viele europäischen Staaten begangen, indem sie die vielen obigen Vorschriften je nach Firmengrösse abstuften. Damit wird der Arbeitsmarkt noch mehr segmentiert - es gibt einen Arbeitsmarkt für Gesunde und Behindert, aber dreifach vielleicht - für kleine, für mittlere und für grosse Betriebe. Desgleichen ein Kündigungsrecht für kleine, für mittlere, für grössere Betriebe. Mitbestimmung ebenso drei- bis vierfach. Rechnungslegungsvorschriften, Aktienrecht, Buchprüfung, Sanitätsvorschriften folgen ebensolchen, vielfachen Kaskadenwerten. Es ist der Fluch der bösen Tat, dass neues Böses stets sie muss gebären: weil eine Regel - wie immer - zu stur erscheint und der Wirklichkeit nicht gerecht wird, muss man sie mit vier neuen Regeln verfeinern. Der Bürger, der Unternehmer aber muss mit fünf Bänden Gesetzen unter dem Arm arbeiten.

Da Kündigungsschutz und Ueberzeitbeschränkungen sowie verrechtlichte Situationen tatsächlich zu Arbeitslosigkeit führen, gewinnen die Regulierer veremeintlich ein starkes Argument, dass der Arbeitsmarkt eben noch stärker geregelt werden müsse. Doch umgekehrt ist auch gefahren : erreicht man mit liberalen Arbeitsmärkten, wie in der Schweiz, in Dänemark, Grossbritannien oder USA die annähernde Vollbeschäftigung, dann sind die Spiesse wieder gleich lang: die Arbeitenden können am Arbeitsplatz mitbestimmen, weil sie sonst davon laufen können, die Firmen müssen auf oberster Ebene glaubwürdige Entscheide treffen, weil sonst die Arbeitenden nochmal davon laufen, die Löhne können direkt ausgehandelt werden, die Diskriminierungen entfallen weitgehend, weil alle Leute gebraucht werden.

Die Arbeitsmarktexperten Fels und Pickety haben ausgerechnet, wenn Deutschland und Frankreich die Menschen ebenso frei und zu Mindestlöhnen arbeiten liessen, die nicht über deren Produktivität liegt, dann zählten diese Arbeitsmärkte entsprechend der Struktur des US-Markts 7 Mio. bzw. 4 Mio. mehr Arbeitsplätze - für Unqualifizierte. Diese sind heute ausgeschlossen, frühpensioniert, langzeitarbeitslos - "the european social model" mit grossem Fragezeichen.

Eine hohe Erwerbsbeteiligung ist eine Folge liberaler Arbeitsmärkte - und je mehr Personen aus den Jahrgängen zwischen 15 und 64 Jahren arbeiten, umso reicher ist eine Volkswirtschaft, umso mehr Kaufkraft zirkuliert, umso mehr Arbeit gibt es wiederum. In der Schweiz beteiligen sich nach Island am meisten Einwohner aus diesen Jahrgängen am Arbeitsmarkt (bei den Männern fast 20 Prozentpunkte mehr als in der EU! und insgesamt 82,5% der Erwerbsfähigen im Lande - auch unter Immigranten) und sie arbeiten deutlich länger pro Woche als im übrigen Europa, sie arbeiten länger durchs Jahr, und sie arbeiten fast alle bis zur gesetzlichen Pensionierungsgrenze, viele darüber hinaus. Damit arbeiten die Schweizer, Greise und Kinder eingerechnet - etwa 1000 Stunden im Jahr - alle Alten und Kinder eingerechnet - die Franzosen nur gut 600 Stunden.  Ist die Beteiligung hoch, die Aktivität gut, dann sind auch Teilzeitformen gefragt, Junge werden in den Arbeitsmarkt geholt. Dies wiederum nährt über die Lohnabgaben die Sozialversicherungen, ohne dass deren Abgabesätze zu enormen Lohnnebenkosten werden, welche wiederum die Beschäftigung sabotieren.  Diese Lohnnebenkosten variieren zwischen der Schweiz und Frankreich von etwa dem Einfachen zum Dreifachen, und Osteuropa, Asien kennt noch tiefere.

Der Schluss: heute fallen die Arbeitsmarktregeln Kontinentaleuropas zu Lasten der Interessen der Arbeitenden aus, und sie scheiden diese erst noch in "Insider", die Arbeit haben, und "Outsider", die arbeitslos sind, wie Junge, Alte. Es kann anhand der rasch sich umwälzenden, sich anpassenden Arbeitsmärkte der angelsächsischen Länder, Dänemarks, Asiens und der Schweiz gezeigt werden, dass freie Arbeitsmärkte den Arbeitenden direkt nützen - und erst noch eine höhere Produktion der Firmen erlauben, also mehr Reichtum bringen. Europas verkrustete Arbeitsmärkte dienen nur einigen Funktionären, Arbeitsrechtlern, nicht aber den Arbeitern, und gerade nicht den Unqualifizierten, Einfachen unter ihnen.


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(Diese These vertrat ich schon als Sekretär des Gewerkschaftsbundes, z.B: gegen mehr Kündigungsschutz).